Wer kennt das nicht?

Der nicht angeleinte Hund, der freudig den eigenen Hund anspringt, während Herrchen oder Frauchen trällern „Der tut nix!“

Wie oft wurde darüber schon gesprochen, geschrieben und sich ausgekotzt?

Zugegeben, ich habe das Problem mit meinen beiden riesigen Hunden sicher etwas seltener.

Aber man glaubt es kaum, auch ich kenne es.

Meine Lieblingsgeschichte ist zum Beispiel die der entnervten Frau, die ihren pubertierenden Ridgeback -Rüden an die Seite zerrte und fragte, ob sie ihn laufen lassen dürfe.

Auf meine Antwort, dass mein Rüde unverträglich mit anderen Rüden sei und den Jungschnösel ganz sicher unangespitzt in den Boden rammen würde, antwortete sie mit einem erleichterten „Na, dann kann meiner endlich mal lernen, dass man nicht immer zu allen Hunden hinrennen und knurren soll!“

Während sie sprach ließ sie ihren Hund los.

 

Ich war geplättet, der Ridgeback auch.

 

Auch herrlich war der Labradorrüde, der uns schon von weitem sah und mit hoch aufgestellter Bürste, einem lauten Grollen und in der schönsten Imponierhaltung zu uns herübergestakst kam.

Dezent verdattert bat ich die stolz beobachtende und offensichtlich dazugehörige Frau, ihren Hund abzurufen.

Sie lächelte freundlich und sagte „Das ist Ben, der muss jedem mal guten Tag sagen!“

Ben bestieg währenddessen knurrend meinen Rüden und stieß ihm den geöffneten Fang in den   Nacken.

Etwas geistreicheres als „Das glaube ich eher nicht!“ ist mir in dem Moment auch nicht mehr eingefallen.

Zum Glück war Ben kastriert und mein schwarzes Tier antwortete der jungen „Dame“ nur leicht abwehrend und war ansonsten entzückt.

Als ich Ben mit dem Bein wegschob, zeigte er auch mir eindeutig, dass er sich hier mal gar nichts sagen lassen würde.

Frauchen blieb gut gelaunt und wir flohen, verfolgt vom markierenden und scharrenden Ben, der uns mit erhobener Mittelkralle hinterherwinkte.

 

Ungefähr jedes halbe Jahr werden wir auch von einer Golden Retriever Dame „angefallen“, die in ihrer Standhitze befindlich voller Freude unter meinen Rüden kriecht, um sich decken zu lassen, während ich mit Händen und Füßen versuche, die liebestollen Vollidioten auseinanderzuzerren.

Wenn Herrchen dann Minuten später auftaucht, sagt er belustigt „Die tut nix, die können Sie ruhig spielen lassen!“

 

Ihr seht also, ich kenne das Dilemma.

 

Und ja, es nervt!

 

Aber was kann man tun?

Fakt ist, dass niemand von uns alle anderen Hundebesitzer ändern wird.

Wer offen für Anregungen ist, der wird irgendwann Aufklärung bekommen und sich in Zukunft mehr Mühe geben.

Einige werden aus purer Bockigkeit dabeibleiben, dass ihr Hund tun und lassen kann, was er will.

Wieder andere handeln eigentlich aus Verzweiflung.

Denn eigentlich wollen sie nicht sagen „Der tut nix!“, sondern „Der hört nicht!“.

Durchaus hätten viele dieser Hundebesitzer, deren nicht angeleinte Hunde zu Euch laufen, auch lieber, dass sie ihn rufen könnten und an die Leine nehmen könnten.

Aber das können sie nicht.

Weil sie nicht wissen, wie sie dem Hund beibringen, dass er wirklich zuverlässig kommt, wenn man ihn ruft.

Oder weil sie nicht wissen, wie sie ihn an der Leine festhalten sollen, weil er sich da noch schlimmer aufführt.

In jedem Fall wird eine Hundebegegnung für sie also blöd.

Entweder stehen sie als Erziehungsversager da, oder sie bekommen von anderen Hundebesitzern einen Anpfiff.

Und letzteres ist da oft im Vergleich angenehmer.

Denn angepöbelt zu werden macht, dass man sich automatisch in Abwehr begeben kann.

Und wenn der andere so richtig scheiße ist, hat man plötzlich auch Recht 😉

 

Kennt Ihr das Beispiel vom Kommunikationswissenschaftler Schulz von Thun?

Er erzählt, wie sein Großvater im Bus dafür gerügt wird, dass er sich nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechend verhält. Ich glaube es ging darum, dass er seinen Sitzplatz nicht für jemanden freimachte, der es nötig hatte.

Der andere Fahrgast schnauzte Schulz von Thuns Großvater an und ein Streit brach aus.

Dem Großvater gelang es irgendwann, die beiden Ebenen des Gespräches einzeln zu betrachten und sagte „Inhaltlich gebe ich ihnen Recht. Ich hätte aufstehen sollen. Aber die Form, wie sie es sagen, ist nicht in Ordnung!“.

 

Wenn wir also meckern, machen wir es dem anderen schwer, den Inhalt zu verstehen, der eigentlich transportiert werden soll.

Denn der ist ja meistens, dass wir uns Sorgen machen, Angst vor etwas haben, oder mit etwas nicht konfrontiert werden möchten.

 

Meckern macht also Luft und tut auch mal ganz gut. Wenn man wirklich etwas zum Nachdenken mitgeben will, dann ist es wahrscheinlich eher kontraproduktiv.

 

Eine schöne Idee war die einer Hundetrainerin, die einmal auf einem meiner Seminare war.

Sie hatte kleine, laminierte Kärtchen dabei, auf denen sie ganz freundlich und verständlich aufgeschrieben hatte, warum es höflicher ist, seinen Hund nicht zu angeleinten Hunden laufen zu lassen und welche Gründe es geben kann, dass nicht jeder Hund Kontakt haben soll.

Anstatt sich aufzuregen, hat sie den Leuten ein Kärtchen in die Hand gedrückt und ist weitergegangen.

So gab es zumindest eine Chance auf Verständnis und sie musste sich nicht noch zusätzlich zu dem unangenehmen Ereignis mit einem fremden Menschen streiten und sich den Tag damit völlig versauen.

 

 

-Dieser Text darf gerne geteilt werden (bitte nicht kopiert), alle Rechte verbleiben bei der Autorin Maren Grote-

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