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Meine Meinung ist, dass es immer eine gut überlegte Einzelfallentscheidung sein sollte, ob es Sinn macht, einen Hund zu kastrieren.

Es gibt einige gute Gründe dafür und einige gute Gründe dagegen.

Am Schönsten fände ich, wenn die bereits erforschten Fakten allen zugänglich und klar wären, damit die Entscheidung auf einer guten Basis getroffen werden kann.

 

Was mich schockiert ist weniger die Tatsache, dass so viel kastriert wird, sondern eher wann und warum.

Selbst viele Tierärzte machen mir mit ihrer Uninformiertheit Sorgen.

Da wird mit Vorurteilen des letzten Jahrhunderts um sich geworfen, oder beim Gedanken an Krebsvorsoge vergessen, dass auch die Kastration das Risiko für Krebserkrankungen erhöht.

Durch eine frühe Kastration verhindert man also nicht, dass der Hund Krebs bekommt, man ändert nur die statistische Wahrscheinlichkeit, welchen Krebs er bekommt.

 

Dazu kommen dann Gründe, die sich mir nicht erschließen wollen.

Da springt ein sehr junger Rüde dreimal bei einem anderen Hund auf, oder wird beim Geruch der ersten läufigen Nachbarshündin unruhig, und schon wird von Hypersexualität gesprochen und geschnitten.

Mal ganz ehrlich, wie wichtig war Dir das andere Geschlecht, als Du ungefähr 16 Jahre alt warst?

Ich würde mal sagen, dass ein ziemlich großer Teil des Denkens und Handelns in der Pubertät  mit Liebe, Sexualität und Freundschaften zu tun hat.

Das ist in der Pubertät des Hundes nicht anders.

Und es zeigt sich bei uns, dass die meisten trotz verpasster Kastration im Jugendalter wieder ganz normal werden, einfach nur durchs Erwachsenwerden.

Ein großes Interesse an Sexualität bei einem jungen Rüden ist also erstmal völlig normal und sagt nichts darüber aus, wie er sich als Erwachsener benehmen wird.

Und wie beim Menschen ist auch hier eher die Erziehung ausschlaggebend, ob sich später anständig benommen wird.

 

Auch Hündinnen werden immer wieder in meinem Umfeld kastriert, weil sie scheintragend werden.

Da versteckt die Hündin nach der Läufigkeit eine Socke in ihrem Körbchen, und schon wird mit der Begründung des schwerwiegendes Leids in einer großen Bauchraumoperation ein Organ entnommen.

Die Scheinträchtigkeit der Hündin ist ein normaler und natürlicher Prozess und heißt erstmal noch nichts. Ob die Hündin dabei so extrem reagiert, dass man von Leid sprechen kann, muss individuell betrachtet werden.

 

Wie oben bereits erwähnt, bin ich nicht grundsätzlich gegen Kastration.

Ich bemerke in meiner Arbeit nur immer mehr völlig unkontrollierte und ungehemmte Hunde, die durch die fehlende Reifung, die eine frühe Kastration bewirkt, lebenslang Probleme mit ihrer Selbstkontrolle haben.

Ich habe immer mehr Rüden im Training, die durch eine Kastration einen so niedrigen Testosteronspiegel haben, dass sie unter den gut erforschten Nebenwirkungen einer Unterversorgung leiden:

Erhöhte Aggressivität, Unruhe, Unsicherheit, aufbrausendes Verhalten, unfaires Verhalten und schlechte Hemmung in der Auseinandersetzung.

Weil viele immer noch denken, dass Rüden durch ihre Unversehrtheit öfter Aggression zeigen, ist es in der Hundewelt immer noch nicht zur Genüge durchgedrungen, dass zu wenig Hormone ebenfalls aggressives Verhalten hervorrufen.

Nur eben noch enthemmter und heftiger, weil es grundsätzlich durch Unsicherheit entsteht.

Dazu kommen körperliche Mängel wie Inkontinenz, Muskelschwund und damit verbundene Gelenkprobleme.

In meinem Arbeitsalltag gibt es öfter Hunde, die erst durch ihre Kastration störendes Verhalten zeigen, als solche, denen eine Kastration helfen würde sich sozial angepasster zu verhalten.

Selbstkontrolle wird nun einmal schlechter, wenn der Hund zu früh kastriert wird. Was nützt es da, dass Fifi zwar mit allen Jungs klarkommt, aber ansonsten ein aufgedrehtes Nervenbündel ohne jegliche Impulskontrolle ist?

 

Das sind keine Glaubensfragen oder Dinge, zu denen jeder mal seine persönliche Meinung beitragen müsste, sondern erforschte Fakten.

Ich verstehe nicht, dass hier immer noch „mein Rüde hat aber…“ als Argument für belastbare, wissenschaftliche Argumentationen herhalten müssen.

 

Das Verhindern eines ungewollten Deckaktes ist übrigens kein Grund, auch nicht für Tierschutzorganisationen, die ebenfalls noch häufig prophylaktisch alles abschneiden, was man abschneiden kann.

Wer operativ verhindern möchte, dass Welpen entstehen, der kann auch einfach die Samenstränge des Rüden durchtrennen lassen.

Das ist eine bedeutend kleinere OP mit weniger Risiko.

Alles bleibt drin, nur die Fruchtbarkeit des Hundes ist damit ausgeschaltet.

Abgesehen davon ist es auch ganz normalen Menschen möglich, ihre läufige Hündin angeleint zu lassen oder auf ihren intakten Rüden aufzupassen, ganz ohne dafür Raketenwissenschaft studiert haben zu müssen.

Zweimal im Jahr werden die Mädels läufig, Rüden nicht draufhopsen lassen, fertig.

 

Es ist sehr bezeichnend, dass man bei Menschen nach Möglichkeit niemals kastriert.

Wenn überhaupt, dann kann man sich sterilisieren lassen, also unfruchtbar machen lassen.

Das Entnehmen von Organen wird aber immer vermieden, wenn es nicht unbedingt sein muss.

Und zwar weil es gefährlich ist, das Risiko diverser Krebsarten erhöht und so viele mögliche Nebenwirkungen hat, dass man die Organe nach Möglichkeit immer im Körper belässt.

 

Beim Hund dürfte man also zumindest genau überlegen, ob eine Entnahme des Organes wirklich notwendig ist.

Und wenn man wirklich kastrieren möchte, dann bitte, bitte, nach dem Verlauf der Pubertät.

Wer sich nicht sicher ist, ob sein Hund unnormal ist, oder doch besser früh als spät kastriert werden sollte, dem rate ich, sich mehrere Meinungen von unabhängigen Fachleuten zu holen.

Das Messen der Hormonwerte ist einfach und gibt direkten Aufschluss darüber, ob tatsächlich extrem viele Hormone der einen oder anderen Art im Körper sind.

Der Tierarzt muss dafür nur einmal Blut abnehmen.

 

Auch ein Hund hat eine Pubertät und es ist völlig normal, dass diese Zeit von Diskussionen und Ärger geprägt ist.

Mit Geduld, Konsequenz, Ruhe und Durchsetzungskraft und vielleicht der Hilfe eines guten Hundetrainers wird sich das Ganze auch wieder normalisieren.

Und sollte wirklich alles für eine Kastration sprechen, dann kann man immer noch kastrieren, wenn der Hund erwachsen ist.

 

 

 

-Dieser Text darf selbstverständlich geteilt werden, die Rechte verbleiben aber bei der Autorin (Maren Grote). Auch Diskussionen und Erfahrungsberichte freuen mich, bleibt dabei bitte sachlich und höflich miteinander 😉  –