Wie alt ist denn der Kleine?

Kleiner Hund steht erwartungsvoll da

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„Mein Welpe ist erst 47 Wochen alt!“

Hab ich so gehört. Ehrlich.

Die Bemessung von Alter und damit einhergehender Entwicklung bei Hunden ist irgendwie aus dem Ruder gelaufen. Bei kleinen Kindern spricht man lange in Wochen, wenn man ihr Alter erklären will. So ein Kind entwickelt sich auch vergleichsweise sehr, sehr langsam.

Nur mal als Vergleich: Ein Menschenbaby ist mit sechs Monaten für gewöhnlich noch ein Säugling, ernährt sich also einzig und ausschließlich von Muttermilch. Er kann weder kommunizieren, was er genau möchte oder braucht, noch kann er sich selbständig so effektiv fortbewegen, dass er lebensfähig wäre, wenn man ihn allein lässt. Er kann seine Temperatur noch nicht gut selbst regulieren. Und sein Immunsystem ist auch noch nicht so gut entwickelt.

Wäre das Menschenbaby eine Gans, dann würde es zu diesem Entwicklungszeitpunkt noch im Ei sein und bebrütet werden.

Ein Hundewelpe befindet sich mit zwei bis drei Wochen in dieser Phase. Danach ist er kein Säugling mehr und vergleichbar mit einem Kleinkind. Zieht er mit neun oder zehn Wochen von zuhause aus, dann ist er in seiner Entwicklung etwa da, wo unsere Kinder bei der Einschulung stehen.

Deswegen besagt das Tierschutzgesetz auch, dass Hundewelpen mit frühestens acht Wochen von Mutter und Geschwistern weggegeben werden dürfen. Weil sie da in der Lage sind, innige, neue Beziehungen außerhalb ihrer Familie aufzubauen. Und schadlos in ein Leben integriert werden können ohne die Mutter, ohne ständige Körperwärme der Geschwister, ohne die Bauchmassage, die bei der Verdauung unerlässlich ist bei kleinen Welpen, und ohne die Milch der Mutter.

Mit ungefähr sechzehn Wochen gelten Welpen dann nicht mehr als Welpen (also Kinder), sondern als Junghunde (Pubertäre). Hier liegen wie immer natürliche Schwankungen zugrunde, der ein oder andere ist also eine Woche früher oder später so weit.

Sechzehn Wochen ist echt noch sehr klein. Da vergisst man schnell mal, dass der Hund hier auf einem völlig anderen sozialen und geistigen Niveau spielt als mit acht Wochen. In Welpengruppen sieht man das oft, wenn der eine nur zwei Wochen jünger ist als der Rest und völlig unter die Räder kommt.

Vom Anfang der Pubertät bis zum Ende der Hirnentwicklung sind es dann ungefähr noch mal zweieinhalb bis drei Jahre. Erst dann, oder auch: schon dann, ist der Hund komplett erwachsen und sollte alle Fähigkeiten und Fertigkeiten gelernt haben, die er dafür braucht. Eigene Welpen zeugen und aufziehen kann er sogar schon vorher.

Bei Menschen hören wir ab dieser Reife auf, von Erziehung zu reden. Ab da geht es um Verhaltensanpassung und situative, bewusste Veränderungen im Handeln.

Erziehung bedeutet also auch Lernen, aber nicht jedes Lernen ist Erziehung.

Wieso das wichtig ist?

Um sein Verhalten, seine Ansprüche und das Verhalten des Hundes angemessen beurteilen zu können. Wenn der „erst 47 Wochen alte“ Labrador keine drei Sekunden ertragen kann stehenzubleiben, sobald sein Mensch sich unterhalten möchte, einem knurrenden Fremdhund ins Gesicht springt, um nach einem lustigen Spiel zu fragen, und ohne ein Kekschen an der Straße nicht warten kann, selbst wenn direkt vor seiner Nase ein Auto langbrettert, dann ist das nicht altersangemessen.

Dann darauf zu beharren, dass der Kleine ja noch so jung ist, ist für den Hund dann richtig fies. Denn der ist anscheinend so wenig gefördert, dass er für sein Alter weit hinter den normalen Möglichkeiten zurückliegt. Er hat nun bis zum Erwachsensein nur noch wenig Zeit, soweit sozial zu reifen, dass er sich auch erwachsen und vernünftig benehmen kann.

Genauso ist es unangemessen zu erwarten, dass ein zehn Wochen alter Welpe in der Lage ist, acht Stunden am Tag allein zu sein und seine Blase in dieser Zeit kontrollieren zu können. Es gibt für alles eine Zeit!

Dass jemand etwas (noch) nicht kann, heißt, dass dies die Zeit ist, das zu üben. Nicht zu sagen: „Kann er nicht!“. Stattdessen: „Lernt er grade. Schritt für Schritt und immer etwas mehr.“.

Dass jemand etwas kann, darf uns dazu verleiten es auch einzufordern. „Jetzt kannst Du es, hast die Fähigkeiten und Kraft und das Wissen darüber, was erwartet wird. Jetzt musst Du es auch umsetzen, ohne ständig behandelt zu werden, als würdest Du noch im Lernprozess stecken“. Nach Lernen kommt Können.

Und wenn ich liebevoll, langsam und Schritt für Schritt gelernt habe meine Schuhe zuzubinden, dann gelernt habe, dass man Schuhe bitte immer zubindet, weil man sonst über die Schnürsenkel stolpert, dann ist irgendwann auch die Zeit, dass ich meine Schuhe zumache und niemand dazu etwas sagt, mich niemand anleitet und in die Hände klatscht. Weil das normal ist.

Und andere Dinge sind nicht normal und auch als Erwachsene für mich anstrengend. Und da kann ich durchaus vertragen, wenn das jemand lobend erwähnt, wenn ich mich gut geschlagen habe.

Das Alter und die Entwicklung werden bei Hunden oft vergessen. Es wird erwartet, dass sehr junge Hunde etwas leisten können, nur weil der erwachsene Hund es kann. Es wird einfach abgewartet, dass sich Probleme durch das Alter von selbst in Luft auflösen. Und es wird mit erwachsenen Hunden teilweise umgegangen, als seien sie komplett denkunfähig und lebensunfähig.

Wir können tatsächlich viel der Forschung über die Entwicklung von Kindern und deren Sozialverhalten auf Hunde übertragen. Nur altersentsprechend bitte!

Erwachsene Lebewesen zu unselbständigen Babys zu erklären und sie so behandeln, ist nicht nett. Und es hält auch Hunde davon ab, selbstständig, selbstbewusst und handlungsfähig zu werden.

Wir müssen uns ganz schön anstrengen, um bei der schnellen Entwicklung mitzuhalten. Eben waren wir noch Elternersatz, und auf einmal sind wir auf einer Freundschaftsebene angekommen. Letzte Woche war mein Hund noch Welpe, heute schliddert er mit voller Wucht in die Pubertät. Heute will er mich eventuell auf die Probe stellen, wo er letzte Woche wirklich einfach noch nicht wusste, was gemeint ist. Hatte gestern noch die Frage: „Was heißt das Wort Hierher!“ und heute schon die Frage: „Was machst Du denn, wenn ich nicht kommen will?“.

Alle, die einen Welpen großgezogen haben, kennen diese Sprünge und dieses Gefühl, wie schnell alles geht und wie rasant manche Entwicklungen vonstatten gehen.

Wer während dieser Entwicklung immer wieder abwägt, wo sein Hund grade steht und ob er auf einem angemessenen Niveau gefördert oder gebremst oder überfordert wird, der hat am Ende einen selbstbewussteren und souveräneren Erwachsenen an seiner Seite.

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Dieser Text darf natürlich gern geteilt, aber nicht abgeändert werden. Alle Rechte daran verbleiben bei der Autorin Maren Grote.

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