Ein Hund muss Ruhe lernen. Ruhe halten. Ruhe haben.
Das hat sich mittlerweile herumgesprochen, und das ist super. Auch wenn das Bedürfnis von Bewegung und Ruhe sehr, sehr individuell ist und sich im Laufe des Hundelebens stark verändert, so kann man doch festhalten, dass Hunde grundsätzlich mehr schlafen als Menschen.
Momentan geht man davon aus, dass sie ein Nachtschlafbedürfnis von ungefähr zwölf Stunden haben, tagsüber mehr oder weniger viel dösen und auch fest schlafen. Junghunde sind dabei meistens aktiver als erwachsene Hunde, und Senioren schlafen noch mehr. Aber auch das alles wieder in einem individuellen Rahmen. Es gibt auch Hunde, die eindeutig zu wenig ruhen und sichtbare Anzeichen von Schlafstörungen, Übermüdung und Dauerstress zeigen.
Dass ein Hund in jungen Jahren lernen sollte, zur Ruhe zu kommen und sich zu regulieren, ist ebenfalls den meisten bekannt. Nun vermischen sich aber genau an diesen beiden Punkten oft Aussagen, und es entstehen abstruse Auslegungen.
„Ruhe lernen“, also sich beruhigen zu lernen, passiert NICHT durch viel Schlaf! Ein Hund wird nicht dadurch ein souveränerer, coolerer Hund, wenn er mehr schläft. Und aktive Hunde, die tagsüber wenig schlafen, sind nicht automatisch Nervenbündel.
Schlaf ist notwendig, um sich zu erholen, Stress des Tages abzubauen, Körperfunktionen zu stärken und Wachstum an Muskeln und Hirnmasse zuzulassen.
Schlaf macht aber nicht, dass ein Hund in einer aufregenden Situation besser klarkommt. Es sei denn, sein vorheriges „Nicht-Klarkommen“ beruhte auf einem generellen Schlafmangel und darauf, dass der Hund deswegen komplett überreizt durch die Welt läuft.
Wenn nun aber Menschen anfangen, junge Hunde nur zu Hause in Ruhe zu lassen und darauf zu achten, dass sie möglichst viel schlafen, in der Hoffnung, dass sie dann als erwachsene Hunde gelassener draußen mit Aufregung klarkommen, dann geht die Rechnung nicht auf.
Um zu lernen, bei Unruhe ruhig zu bleiben, muss man üben, in einer unruhigen Umgebung ruhig zu bleiben. Es braucht also zwingend die Situation, an die sich der Hund gewöhnen soll. Er soll lernen, trotzdem ruhig zu bleiben. Obwohl es eine Situation ist, die nicht dazu einlädt. Das ist ja grade der Witz daran.
Was darin schult, ist das Mitnehmen junger Hunde in anspruchsvolle Situationen, in denen es nicht alles ruhig, leise, dunkel und flauschig ist, sondern in denen sie wirklich Fähigkeiten erwerben müssen, um ruhig zu bleiben. Natürlich so angemessen, dass eine Beruhigung möglich ist.
Und selbst wenn wir vom absoluten Maximum des täglichen Schlafbedürfnisses für Welpen ausgehen, dann haben wir jeden Tag vier volle Stunden Zeit den Hund lernen zu lassen und Input in sein Gehirn zu geben, auf den er später zurückgreifen kann.
Vier Stunden sind viel! Selbst wenn man Futterzeiten, Kuscheln, ein bisschen Herumlaufen und Sozialkontakte abzieht, können wir täglich zwei Stunden in einem Park sitzen und uns mit dem Welpen das bunte Treiben ansehen. Wir können Bahn fahren. Und zwar so lange, dass der Welpe auch wirklich die Chance hat, sich zu gewöhnen und nicht nur so kurz in die Bahn geschubst wird, dass er nicht mal weiß, was los ist, bevor man schon wieder aussteigt. Welpen brauchen Zeit, um sich Dinge und Situationen in Ruhe anzuschauen, und da ist es völlig kontraproduktiv, sie in neue Situationen „einzustippen“ und schnell wieder rauszugehen. Und ohne eine Erwartungshaltung zu wecken. Der Hund soll ja die Situation gewöhnlich finden, und nicht auf andere Weise aufregend. Es braucht keine Kommandos, Ablenkung, Partystimmung oder Futter. Es braucht nur das, was am schwersten für Menschen ist: Nichts! Einfach mal nichts machen, sich zurücknehmen und Ruhe ausstrahlen.
Am besten ist es, wenn man stationär bleibt, sich zum Beispiel in ein Straßencafé setzt oder den Welpen in seine Jacke steckt, sich an den Rand des Wochenmarktes stellt und dann einfach mal nichts tut. Schauen lassen, schnuppern lassen. Erleben und verarbeiten lassen, ohne ständig weitere Informationen von außen reinzuwerfen mit Futter, Aufforderungen und Ortswechseln. Zeit lassen macht geduldig. Nicht drängen, dass er sich bitte schnell gewöhnen soll.
Ich gebe als Mensch vor, dass es ok ist, sich Sachen in Ruhe anzusehen. Das ist ja, was ich später vom Hund möchte. Und ich bin sein erstes Beispiel. Meine Stimmung ist ihm das Vorbild, also bleibe ich ruhig und geduldig, langsam und bedacht. Das, was ich von meinem Hund möchte, zeige ich. Bei Kindern heißt es so schön: Kinder lernen nicht, was wir ihnen sagen – Kinder lernen, was wir ihnen vormachen! Und das gilt auch für Welpen. Erziehung geschieht auch durch Beobachtung und Nachmachen, und dieser Teil des Lernens ist gewaltig groß!
Wer also einen gechillten Begleiter will, der sollte seinen Hund als Welpen mitnehmen in die Welt, die ihn als erwachsener Hund erwartet und ihm Zeit geben, sich dort sicher und in Ruhe umzuschauen und alle Eindrücke in Ruhe auszuwerten. Tendenzen, Welpen vorsichtshalber bis zum vierten Monat nicht aus dem Haus und Garten zu holen, halte ich nicht nur für fragwürdig, sondern für höchst bedenklich.
Die Argumentation dahinter, dass sich kleine Wölfe ja in dieser Zeit auch nicht vom Rendezvousplatz (das Zuhause der Wölfe, wo die Welpenhöhle ist) entfernen würden, ist unangebracht. Hunde sind keine Wölfe, und wer mal einen Wolf mit ins Büro nehmen möchte, mit der S-Bahn Freunde besuchen fahren oder auf dem Markt Kartoffeln kaufen will, der wird sicher zustimmen, dass diese Aufzucht nicht sehr zuträglich ist, um am Ende kompatibel und stressarm mitzukommen.
Wer also kein scheues Wildtier möchte, der sollte seinen Hund wie einen Hund aufziehen und nicht wie ein Wildtier.
Hunde sind sehr neugierig, sehr wenig scheu und erkunden ihre Umwelt von früh an.
Gewohnheit kann nur da eintreten, wo etwas so oft passiert, dass es eben gewöhnlich wurde. Und das heißt: Wiederholung, Konfrontation, und das so gut begleitet wie möglich. Durch jemanden, der mit jeder Faser rüberbringt, dass hier alles gut und sicher ist und dass das hier ganz normal ist. Und wenn diese Person dann auch noch aufpasst, dass niemand auf den Welpen treten kann, dass nichts passiert, was unangenehm ist, dann ist alles gegeben, um die Welt von Anfang an kennenzulernen.
Und dann kann der Hund lernen, ruhig zu bleiben, auch wenn die Welt um ihn herum nicht ruhig ist. DAS ist für mich Ruhe lernen.
——————————————————————————————————-
Dieser Text darf natürlich gern geteilt, aber nicht abgeändert werden. Alle Rechte daran verbleiben bei der Autorin Maren Grote.
Wenn Du mehr darüber wissen möchtest wie ich zu Dingen aus der Hundeerziehung und Haltung stehe, wie ich meine eigenen Hunde erziehe und was sie dürfen und was nicht, dann hol Dir die „Schnipsel App“. Darin zeige und erkläre ich den Alltag von mir und meinen Hunden, erkläre Verhaltensweisen, Umgangsweisen und Hintergründe. Die Schnipsel App gibt es in jedem App Store kostenlos.

