Kann man vielleicht anders sehen. Ich finde nicht, dass Hunde darin bestärkt werden sollten, Sexualität als Kompensation für soziale Inkompetenz zu nutzen. Meine Meinung.
Es gibt Hunde, die ausschließlich damit beschäftigt sind, bei anderen Hunden aufzureiten. Sie rammeln alles, was vier Beine hat und oft auch die Beine ihrer Menschen oder Möbelstücke.
Ja, das fühlt sich gut an und ja, wenn der Welpe das mal ausprobiert, ist es nicht so wild. Und trotzdem ist es gut, wenn er direkt lernt, dass dies kein sozial adäquates Verhalten ist. Denn nein, es ist nicht normal, dass ein Hund, der irgendwas nicht darf, als Übersprungshandlung sofort anfängt mit Masturbation zu regulieren, dass er miese Laune hat. Das ist weder hundetypisch noch nötig.
Auch wenn manche Menschen bei der Wahl ihrer Hunde (und auch Rassen) manchmal den Eindruck bekommen könnten, dass alle Hunde das ganz normal so machen würden. Nein, das ist KEIN normaler Stressabbau!
Und es ist erst recht nicht sinnvoll, dabei auch noch zu lernen, dass das super funktioniert und man, anstatt sich zusammenzunehmen und runterzukochen, einfach irgendwas oder irgendwen bumsen sollte, um wieder klarzukommen mit ganz normalen Alltagsproblemchen.
Ich verstehe wirklich nicht, woher die Annahme kommt, dass man Hunde darin noch bestärken sollte. Wer käme denn auf die Idee seinen Sohn so zu erziehen? „Nein Kläuschen, Du musst am Tisch sitzen bleiben, wenn die Oma zum Kaffee da ist und darfst nicht am Handy spielen. Aber masturbier doch ein bisschen in dieses Sofakissen, das baut Stress ab.“
Oder später an der Supermarktkasse: „Oh nein, kein Kleingeld mehr im Portemonnaie, darf ich mal ihren Arm haben, bitte, Frau Kassiererin? Ist nichts Persönliches, ich muss nur mal Stress regulieren!“.
Ich frage mich auch schaudernd: wie wäre das denn andersherum, wenn es so normal und natürlich ist und gar nichts Komisches hat? Darf man seinen Hund dann auch mal anrammeln, wenn der Tag hart war? Baut auch beim Menschen Stress ab …
Aber wieso glaube ich, dass die Leute, die das ganz normal finden, wenn ihr Hund das an ihrem Bein macht, das andersherum plötzlich „Örghs“ finden?
Ok, zugegeben, ich hoffe auch ein bisschen, dass sie zumindest DAS Örghs finden!
Das einzige Tier, das sowas darf, ist der Bonobo. (Falls Du den nicht kennst, der Bonobo ist eine Affenart, die den ganzen Tag Sex hat).
Des Bonobos gesamte soziale Struktur baut darauf auf, dass sich wild gepaart wird. Ok, es sei ihm vergönnt! Es ist seine evolutionäre Nische, und er ist damit ein ganz besonderes Tierchen.
Aber der Hund ist kein Bonobo!
Und Stress abzubauen ist kein Argument sexuelle Übergriffigkeiten zu fördern oder sogar Verhaltensstörungen zu forcieren. In vielen Fällen geht es sogar nicht mal darum, sondern ist eine reine Machtdemonstration des Hundes, der die sexuelle Nötigung dafür nutzt, dem Menschen zu zeigen, was er alles mit ihm machen kann. Nicht immer, aber durchaus manchmal.
Und auch Menschen beißen, sich im Kreis drehen und seinen eigenen Schwanz jagen und sich die Pfoten blutig beißen: das sind alles Methoden, um Stress abzubauen. Es baut auch Stress ab, wenn der das komplette Wohnzimmer auseinandernimmt und alles in kleine Stücke reißt. Das heißt aber doch im Gegenzug nicht, dass es ok ist und man es dem Hund beibringen sollte, dass das sinnvolle Methoden sind.
Der Hund ist ohne das ja nicht verloren und dauergestresst. Er muss niemanden und nichts rammeln, um sich zu regulieren.
Er kann auch: schlafen, kuscheln, Knochen kauen, traben, spielen, schnuppern, etwas Neues lernen oder einfach einen freundlichen Sozialkontakt pflegen. All das baut genauso Stress ab, und all das sind normale Sachen, die tatsächlich alle Hunde machen und die typisch Hund sind.
Bereits Welpen probieren sich und ihre Wirkung auf andere aus. Und dazu gehört auch das Aufreiten. Es kann spielerisch vorkommen und als Provokation eingesetzt werden. Es kann aus sexuellem Interesse geschehen oder einfach eine dusselige Idee eines Junghundes sein, der nicht weiß, was er machen soll.
Spätestens ab dem Lebensalter von sechs Monaten ist es aber kein rein kindliches Ausprobieren, sondern durchaus mit sexuellem Interesse. Da wäre der Hund etwa im vergleichbaren Alter wie ein zwölf / dreizehnjähriges Kind. Nein, das ist kein Drama, aber es ist etwas, mit dem der Betreffende lernen muss umzugehen.
Auch Übersprungshandlungen kann man kontrollieren und ändern. Menschen bohren als Übersprungshandlung auch gern in der Nase und lernen, dass das bei Erwachsenen nicht so gut ankommt. Auch einfach mal losbrüllen ist manchmal eine Übersprungshandlung, und wir bringen Kindern trotzdem bei, dass es auch ohne geht, wenn man gestresst ist.
Deswegen sollte man sehr wohl auch Welpen klar vermitteln, dass diese Strategie kein angemessener Stressabbau ist, und dass andere nicht dafür da sind, als Gummipuppe für einen zu fungieren. Welpengerecht, angemessen und fair. Genauso wie man den Welpen fördern sollte zur Ruhe zu kommen, sich zusammenzunehmen und mit überschäumenden Gefühlen umzugehen, ohne dabei andere zu benutzen.
Wer das frühzeitig, konsequent und liebevoll vermittelt und fördert, dass der Hund erwachsene und sozialkompetente Möglichkeiten ausbaut mit Gefühlen umzugehen vermag, der hat später einen Hund, der gern gesehen ist und mit anderen Hunden Freundschaften pflegen kann.
Wer von Anfang an beibringt, sich wie ein „Weirdo“ zu benehmen, der hat am Ende eben einen Hund, den andere Hunde lästig und übergriffig oder sogar bedrohlich finden. Und vor dem Menschen sich ekeln oder über ihn lachen. Wenn wir schon die Aufgabe übernehmen, ein Lebewesen zu erziehen, dann sollten wir das auch im Interesse tun, das Wesen so für die Welt bereit zu machen, dass es eigenständig, vernünftig und normal klarkommt und für die ganz normalen Alltagswidrigkeiten keine merkwürdigen „Stressabbau-Techniken“ braucht. Für mich persönlich ist das Ehrensache.
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Dieser Text darf natürlich gern geteilt, aber nicht abgeändert werden. Alle Rechte daran verbleiben bei der Autorin Maren Grote.
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