Auslandshunde klauen uns den Mops?

Sitzender Hund schaut sich um

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Ach, ein herrliches Thema. Ich sehe mich schon beim Schreiben des ersten Satzes wieder die Hater bei Facebook blockieren.

Die Frage danach, ob wir Hunde nicht mehr züchten dürfen, weil es ja genug Hunde aus dem Tierschutz gibt oder ob die bösen Tierschutzhunde uns die Tierheime voll machen, während der arme deutsche Hund auf der Straße sitzt.

Gleich mal vorweg:

Wie bei vielen Problemen dieser Welt wäre es schön, wenn es einfache Antworten gäbe. Aber es ist nun mal komplexer, und da hilft auch kein Schimpfen und Aufstampfen. Man muss sich leider die Mühe machen, es differenzierter zu sehen.

Fangen wir mal bei der Hundezucht an.

Nein. Dass Hunde gezüchtet werden, hat nichts damit zu tun, dass im Ausland die Tötungsstationen überquellen. Und selbst wenn jeder Mensch in Deutschland, der einen Hund hat, jetzt sofort einen Hund aus dem Auslandstierschutz nehmen würde, dann wäre das Problem immer noch da und in einem halben Jahr wieder genauso groß wie heute. Alle Leute hier hätten dann nämlich einen Hund, und in den nächsten ungefähr fünfzehn Jahren wäre der Pool an Straßenhunden wieder dreimal so groß wie jetzt.

Das Problem der Überpopulation in anderen Ländern ist politisch.

Klar kann man da einen Hund herholen. Einer meiner zwei Hunde kommt übrigens aus Griechenland aus dem Tierschutz, mein erster Fiffi aus Spanien von der Straße. Und ein weiterer aus einem deutschen Haushalt, aus dem er ins Tierheim ziehen sollte. Klar, kann man das gerne machen!

Und für diesen einen Hund ist das (eventuell!) auch eine super Hilfe. Aber es löst das Problem nicht im Ansatz. Für den Tierschutz brauchen wir vor allem Aufklärung und Hilfe vor Ort. Projekte zur Sterilisation und vor allem Hilfe für die Menschen!

Denn da, wo die Hundezahl auf der Straße explodiert, geht es meistens auch den Menschen schlecht. Und wer grade damit beschäftigt ist zu überleben, kann sich um Luxusprobleme wie Hunde auf der Straße nicht kümmern.

Für alle, die jetzt aufheulen, wie böse die Menschen im Ausland sind: Wann habt Ihr Euch hier das letzte Mal für Stadttauben eingesetzt?

Was das damit zu tun hat?

Stadttauben sind verwilderte Haustiere, genau wie Hunde. Wir haben sie erschaffen und gezüchtet für Messengerdienste und als Fleischlieferant. Und die, die draußen alles vollkacken, sind entflogene oder ausgesetzte Haustiere. Genau wie die Hunde im Ausland.

Und hast Du schon mal um eine überfahrene Taube geweint oder heimlich Futter in der Innenstadt ausgestreut? Ziehst Du los und tauscht Taubeneier gegen Holzeier, damit die Population eingedämmt wird?

Falls ja: Danke! Cooler Job!

Falls nein: Wirf also bitte nie mehr Menschen in anderen Ländern vor, dass sie sich nicht darum kümmern, wenn verwilderte Haustiere alles vollkacken.

Tierschutz ist toll. Aber ohne Menschen- und Umweltschutz ist er nicht vollständig. Menschen müssen fair bezahlt werden, dürfen nicht von Krieg und Klimawandel bedroht sein und nicht unter der Ausbeutung anderer Staaten leiden, damit sie Zeit, Energie und Geld haben, um sich um Straßentiere zu kümmern.

Wer gütig zu anderen sein soll, muss Güte erfahren! Wenn Du also etwas für diese Tiere tun möchtest, dann hilft alles, was die Welt friedlicher, fairer, sicherer und gesünder macht.

Und nebenbei hilft es Projekte zu unterstützen, die vor Ort arbeiten. Und wenn Du magst und es in Dein Leben passt, dann hol Dir einen Hund aus dem Tierschutz, suche eine gute Organisation, die Dich ehrlich berät und einen passenden Hund für Dich rausgibt.

Zucht hat aber mit diesem Problem nichts zu tun.

An Zucht kann man eine Menge herummeckern. Inzestverpaarungen, genetische Verarmung und Qualzuchtmerkmale. Außerdem das immer weiter Herunterreduzieren auf die Optik und das In-den-Hintergrund-Drängen von Fähigkeiten und Charakterzügen. Ja, das ist ein Problem, auch bei den Zuchtverbänden und den sogenannten „seriösen“ Zuchten. Hat aber nichts mit vollen Tierheimen zu tun.

Grundsätzlich ist die Idee, sich einen Hund mit bestimmten Merkmalen holen zu wollen, sehr nachvollziehbar. Je nachdem wie das Zusammenleben aussehen soll, ist es einfach schlau eine Rasse zu wählen, die in vielen Generationen auf bestimmte Fähigkeiten gezüchtet wird, wenn man diese Fähigkeiten unbedingt braucht. Nicht jeder Mensch kann einfach irgendeinen Hund nehmen und dann schon irgendwie damit leben.

Wer seinen Hund für eine Arbeit braucht, und damit meine ich auch das Mitnehmen zur Arbeit, der tut gut daran, die statistische Wahrscheinlichkeit, dass der Hund da rein passt, auf ein Maximum zu erhöhen. Und ich persönlich finde es auch vollkommen vertretbar, wenn man seinen Hund auch hübsch finden möchte. Das sollte nicht der Hauptgrund sein. Aber mal ehrlich, wer sucht sich denn einen Hund aus, den er hässlich findet oder dessen Fellstruktur er nicht gern anfasst?

Für gute Zucht gibt es also durchaus gute Argumente, auch wenn sicherlich nicht jeder Mensch einen Hund aus einer Zucht braucht.

Wo wir nun geklärt haben, dass Zuchthunde nicht die Jobs … äh … Zuhause von Tierschutzhunden klauen, noch mal zu den Hunden im Tierheim. Auch da kursieren immer wieder Gerüchte.

Im Tierheim sitzen selten Rassehunde aus einer „echten“ Zucht, also nicht einer vom Lastwagen an der polnischen Grenze, der in irgendeinem Keller massenproduziert wurde. Es sind teilweise Hunde aus dem schlechten Tierschutz von Orgas, die keine echten Tierschutzorgas sind und sich an der Vermittlung bereichern. Oder einfach schlicht gesagt alles rüberschiffen, was nicht bei drei auf dem Baum ist, dann aber nicht mehr ansprechbar sind und sich als große Retter ansehen.

Da entstehen manchmal schlimme Situationen mit Hunden, die mehr entführt als gerettet und völlig unpassend vermittelt wurden. Dazu kommen falsche Erwartungen der Menschen, die zwar gern ihr Gewissen mit ein bisschen Hunderettung bepinseln möchten, aber dafür keinen Aufwand in Kauf nehmen möchten. Oder solche, die dachten, dass die Rettung alleine ja Grund genug für den Hund sein müsste, sich jetzt aus reiner Dankbarkeit anzupassen.

Dann sitzen da noch Hunde, die von Dullies „gezüchtet“ wurden, die keine Ahnung von Genetik, Erziehung oder Verhalten haben und besonders gern die extra coolen Rassen in die Welt werfen.

Am liebsten auch vollkommen bescheuerte Mixe aus coolen Rassen. Pittbull-Owtscharka, Kangal-Cattledog oder andere ganz besondere Kinder. Das Aufstellen der Rasselisten hat leider nicht dazu geführt, dass Listenhunde weniger gezüchtet werden, sondern dass sie nun hauptsächlich Leute züchten, die wirklich gar keine Ahnung haben und den „Kampfschmuser“ als Statussymbol der Männlichkeit sehen. Ja, ich weiß, auch da gibt es noch gute Zuchten. Aber die, die im Heim landen, sind eben meist aus Vermehrer-Haushalten von Leuten, die dachten damit den Mindestlohn aufzubessern.

Und wer dann so einen Hund möglichst billig kauft, weil er eben so cool ist, der kommt eventuell auch an seine erzieherischen Grenzen, wenn der „Kleine“ in die Pubertät kommt und auf einmal keine anderen Hunde mehr mag. Und auffällig wird, weil Erziehung leider nicht bei Ebay im Angebot war. Die eigenen Kompetenzen werden da oft maßlos überschätzt.

So mancher merkt zu spät, dass ohne jede Erziehung des Hundes der Spaß plötzlich ein Loch hat, wenn dieser in die Pubertät kommt und sich auf einmal sein volles genetisches Potential entfaltet. Egal ob der Hund aus dem Tierheim oder sonst woher kommt.

Und nicht jeder Mensch ist jedem Hundetyp gewachsen oder kann einschätzen, worauf er bei der genetischen Disposition achten muss.

Einen leider sehr großen Teil machen Hunde aus, die vom Vetamt eingezogen werden mussten. Und das passiert nicht mal eben so. Wenn das Amt einen oder mehrere Hunde mitnimmt, dann ist da wirklich was los. Meistens sind Hund und Halter*in mehrfach gefährlich auffällig geworden. Oder es handelt sich um illegal eingeführte oder im Bundesland verbotene Rassen, wie zum Beispiel Wolfshybriden. Die kann man nicht einmal einfach so wieder vermitteln. 

Und was die meisten nicht mitbekommen, sind Einzüge aus Animal-Hording-Fällen. Die hauen richtig rein. Denn aus so einem Haushalt einer psychisch kranken Person können schon mal über hundert Hunde auf einen Schlag anfallen und auf die Tierheime verteilt werden. Oft in katastrophal verwahrlostem Zustand, ohne jede Erziehung oder guten Kontakt zu Menschen. Nicht selten halb verhungert und/oder in Käfigen gestapelt.

Manchmal kommt so ein Fall an die Öffentlichkeit, aber viel seltener, als es tatsächlich passiert. Diese Hunde haben sich oft auch innerhalb ihres Zuhauses miteinander verpaart. Es kommt zu Inzucht und tragenden Hündinnen, die dann in den Tierheimen oder Pflegestellen ihre Welpen gebären. Diese Fälle haben weder etwas mit Zucht noch mit dem Auslandstierschutz zu tun und können Tierheime geradezu fluten, wenn dummerweise zwei überfüllte „Hunde-Höfe“ auf einmal hopsgenommen werden. 

Und einige wenige Hunde landen wirklich einfach durch reines Pech im Heim, wenn zum Beispiel der Mensch verstirbt und sich niemand darum kümmert.

Wir haben also ein Erziehungsleck, was Hunde in die Tierheime bringt. Dafür braucht es auch mehr gute Hilfsangebote und mehr Kontrollen für Hundetrainer*innen. Dass der Beruf überhaupt mal als richtiger Beruf anerkannt wird und es einheitlich geregelte Anforderungen und Ausbildungen gibt, wäre mal was.

Außerdem braucht es Reglementierung von Zucht, die einfach mal so aus Spaß gemacht wird. Und Massenvermehrung müsste klarer verfolgt werden, aber auch die Käufer*innen solcher Produktionsstätten müssten sich strafbar machen.

Wenn dann auch noch Qualzuchtmerkmale und Linienzucht verboten werden würde, dann hätten wir gut gezüchtete, gesunde Hunde, die genaue Ansprüche zuverlässig erfüllen und für die Menschen, die es brauchen, einen vorhersehbaren Entwicklungsverlauf bieten.

Wir hätten weniger Hunde auf den Straßen, wenn wir größer denken würden als bis zum Importieren einzelner Hunde. Und auch, wenn wir mehr die Gesundheit der gesamten Welt anstreben würden.

Wir hätten allgemein weniger Tierleid, wenn mehr Menschen ihre Energie statt in Hass und überhebliche Anfeindungen in den aktiven Tierschutz stecken würden. Wenn sie vielleicht auch mal im örtlichen Tierheim eine Spende abgeben, mit den Hunden dort spazieren gehen, denen ein ordentliches Hundetraining bezahlen oder anders helfen.

Man könnte die Leute unterstützen, die helfen, und ihre Sachen auf den sozialen Netzwerken teilen. Man könnte den Hundetrainer*innen, die eine richtige Ausbildung gemacht haben, einen anständigen Lohn zahlen. Und zwar ohne zu mosern, damit sie auch anderen helfen und für mehr Kompetenz und weniger Hunde im Tierheim sorgen können.

Und man kann sich politisch engagieren, um neue Gesetze auf den Weg zu bringen, die dafür sorgen, dass nicht einfach irgendwelche Hunde auf den Markt geworfen werden dürfen, die dann im Tierheim landen. Ach, und noch tausend Sachen mehr!

Es gibt so viele Gründe, wieso die Hundewelt ist, wie sie ist. Psychologische Mechanismen, Kultur, politische Situation und allgemeine, gesellschaftliche Entwicklung. Es ist einfach so viel mehr als eine einfache Erklärung, dass irgendwer Hunde züchtet oder Hunde aus dem Ausland herholt.

Und genauso vielfältig wie die Ursachen sind, sind die Möglichkeiten zu helfen. Das Einzige, was wirklich niemandem hilft, ist Gemotze auf den sozialen Netzwerken über böse Züchtende, Tierschützer*innen oder Labrardoodel. Kann man machen, hilft aber nicht und ist eben alles alleine nicht der Grund für die vollen Tierheime.

In diesem Sinne: macht was Hilfreiches!

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Dieser Text darf natürlich gern geteilt, aber nicht abgeändert werden. Alle Rechte daran verbleiben bei der Autorin Maren Grote.

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